The New Leader

meine C64-Story

Es gab eine Zeit, in der Computer nicht einfach Geräte waren. Sie waren Versprechen. Sie waren Rebellion. Sie waren flimmernde Röhrenmonitore, Diskettenboxen, selbstgeschriebene Routinen, endlose Nächte und dieses ganz besondere Gefühl: Wenn der Cursor blinkte, war alles möglich.

Mitten in dieser Welt taucht ein Name auf, der heute in der Commodore 64 Scene Database erhalten geblieben ist: The New Leader, kurz T.N.L. Hinter diesem Handle stand Dirk Ritter – ein deutscher C64-Scener, Coder, Demo-Macher, Netzwerker und Teil jener Szene, die lange vor Social Media, Cloud und Smartphone bereits international vernetzt war.

Die CSDb führt „The New Leader“ für die Jahre 1987 bis 1989. Das klingt auf den ersten Blick nach einer kurzen Zeitspanne. In der C64-Szene war das aber eine Ära. Eine Zeit, in der jede Demo, jeder Scroller, jedes Intro und jede Codezeile ein sichtbares Zeichen war: Ich bin da. Ich kann etwas. Ich gehöre dazu.

Die Zeit, in der Bits noch Haltung hatten

Ende der Achtziger war der Commodore 64 nicht einfach ein Heimcomputer. Er war für viele Jugendliche und junge Erwachsene eine Eintrittskarte in eine neue Welt. Wer damals programmierte, tat das nicht mit komfortablen Entwicklungsumgebungen, automatischer Fehlerprüfung oder YouTube-Tutorials. Man lernte durch Versuch und Irrtum. Durch Listings. Durch Magazine. Durch Kopieren, Austauschen, Zerlegen, Verstehen und Neu-Zusammensetzen.

Ein Coder musste kreativ sein, aber auch stur. Er musste Geduld haben, technisches Verständnis, ein gutes Auge für Effekte und den Willen, aus begrenzter Hardware mehr herauszuholen, als eigentlich vorgesehen war. Genau in diesem Umfeld bewegte sich The New Leader.

Sein offizieller CSDb-Eintrag nennt ihn als Coder. Das ist in der C64-Szene kein beiläufiger Titel. Es bedeutet: jemand, der nicht nur konsumierte, sondern baute. Jemand, der den Rechner nicht als fertiges Produkt hinnahm, sondern als Maschine, die man herausfordern konnte.

Future Power System – die Gruppe hinter dem Namen

The New Leader war Ex-Mitglied von Future Power System, kurz FPS. Diese Gruppe wird in der CSDb als deutsche Demo- und Cracker-Gruppe geführt. Gegründet wurde Future Power System von Raster Buster. Zu den dokumentierten Mitgliedern gehörten unter anderem Raster Buster, Stefan Hartwig, Mike Mourin, Hawk, Dune und The New Leader.

Das ist bemerkenswert, weil eine Gruppe in der damaligen Szene mehr war als ein Name. Sie war Identität, Netzwerk, Qualitätsversprechen und manchmal auch Kampfansage. Eine Gruppe stand für Stil, Kontakte, Releases und Reputation. Wer Teil einer solchen Gruppe war, bewegte sich nicht isoliert im Kinderzimmer, sondern war Teil eines kreativen, technischen und sozialen Systems.

Future Power System brachte laut CSDb zahlreiche Releases hervor: Demos, Crack-Intros, Tools und Cracks. Titel wie Review ’88, Turn Your Screen, Don’t Worry – Be Happy, Love It or Leave It, Mad Bowls, Fetz It Out oder I’m Here Again zeigen, dass FPS nicht nur ein loses Kürzel war, sondern ein aktiver Teil der deutschen C64-Szene.

Die eigenen Releases: „A New Demo“, „Call Me Soon“ und mehr

Zu den dokumentierten Arbeiten von The New Leader gehören mehrere frühe Releases aus dem Jahr 1987. Besonders auffällig ist „A New Demo“, ein C64 One-File-Demo-Release. In den Credits wird The New Leader für Code und Text genannt. Die Musik stammt von Roy Glover, als SID wird „M.U.L.E.“ aufgeführt.

Allein dieser Aufbau erzählt viel über die Arbeitsweise der damaligen Szene: Code, Musik und Text waren die Grundelemente einer Demo. Der Code brachte die Maschine zum Leben, die Musik gab ihr Atmosphäre, und der Text – oft als Scroller – machte aus Technik Kommunikation. Ein Demo war nie nur Effekt. Es war auch Botschaft.

Ein weiteres dokumentiertes Release ist „Call Me Soon“ aus dem Jahr 1987, ein C64-Intro. Auch hier wird The New Leader für Code und Text genannt. Der Titel wirkt heute fast wie ein Zeitdokument. „Call Me Soon“ klingt nach Telefonlisten, Mailboxen, Kontakten, Szenegrüßen und der ständigen Suche nach Verbindung. Das war die Logik der Szene: Wer gesehen werden wollte, musste erreichbar sein. Wer dazugehören wollte, musste kommunizieren.

Dazu kommt „I’m Here Again“, 1988 unter Future Power System veröffentlicht. Hier wird The New Leader als Coder geführt, die Musik stammt von Jeroen Tel von Maniacs of Noise. Das ist kein unbedeutender Name: Jeroen Tel gehört zu den prägenden Musikern der C64-Ära. Dass ein Release mit seinem Sound dokumentiert ist, zeigt, wie stark die Szene aus Code, Musik und gegenseitigen Referenzen lebte.

Auch „Milk Race“ ist bei The New Leader dokumentiert, dort im Bereich Crack. Das zeigt eine weitere Seite der damaligen Szene. Demo-Kultur, Crack-Kultur, Tools, Intros und Austausch lagen oft eng beieinander. Wer damals aktiv war, bewegte sich in einem Umfeld, das technisch hochkreativ, sozial stark vernetzt und zugleich rau, direkt und wettbewerbsorientiert war.

Die Technical Support Box – Radolfzell als Knotenpunkt

Besonders spannend ist der Eintrag zur Technical Support Box, kurz TSB. The New Leader wird dort als Main Sysop geführt. Die Box war in Radolfzell verortet und als legale BBS gelistet.

Das ist mehr als eine Randnotiz. Eine BBS war damals ein digitaler Treffpunkt, lange bevor das Internet im Alltag angekommen war. Wer eine Mailbox betrieb, stellte Infrastruktur bereit. Er war nicht nur Nutzer, sondern Gastgeber, Vermittler, technischer Ansprechpartner und Knotenpunkt.

Eine BBS bedeutete Verantwortung. Man brauchte Hardware, Telefonleitung, Software, Organisation und Geduld. Man musste erreichbar sein, Daten verwalten, Kontakte pflegen und eine kleine digitale Öffentlichkeit betreiben. In einer Zeit, in der Vernetzung noch nicht selbstverständlich war, war eine Mailbox ein Stück Zukunft.

Dass The New Leader als Main Sysop der Technical Support Box geführt wird, zeigt: Hier ging es nicht nur um einzelne Demos. Hier ging es um Szene-Infrastruktur. Um Verbindung. Um Austausch. Um die Frage, wie man Menschen, Daten, Ideen und Technik zusammenbringt.

Freunde, Kontakte und Szene-Verbindungen

Der CSDb-Eintrag nennt als Freunde beziehungsweise enge Kontakte Raster Buster, Merlin, Stefan Hartwig und Sebastian Broghammer. Außerdem werden Oralo Cat und Good Year als bekannte Szene-Kontakte erwähnt.

Raster Buster ist dabei besonders interessant, weil er nicht nur als Freund von The New Leader genannt wird, sondern auch Gründer von Future Power System war. In der CSDb wird Raster Buster selbst als Coder, Cracker, Graphician und Hardware-Guru geführt. Das ist ein breites technisches Profil. Solche Menschen waren in der Szene oft Katalysatoren: Sie gründeten Gruppen, verbanden Leute, brachten Wissen ein und prägten Stilrichtungen.

Stefan Hartwig wiederum wird bei CSDb als Musiker und Ex-Mitglied von Future Power System geführt. Das passt perfekt zur Struktur einer Demo-Gruppe: Coder, Musiker, Grafiker, Texter, Swapper und Sysops bildeten gemeinsam ein kreatives System. Der eine brachte Bewegung auf den Bildschirm, der andere Sound in den SID-Chip, der nächste Kontakte, Texte oder Grafiken.

Sebastian Broghammer taucht ebenfalls im Umfeld auf und wird im CSDb-Eintrag von The New Leader als Freund genannt. Zusätzlich ist er als Teilnehmer des Venlo Meetings 1988 dokumentiert, bei dem auch The New Leader anwesend war. Das zeigt: Diese Namen waren nicht nur Datenbankeinträge, sondern Teil realer Treffen, realer Kontakte und echter Szenewege.

Venlo 1988 – Szene wurde real

Am 18. Juni 1988 war The New Leader beim Venlo Meeting in den Niederlanden dokumentiert. Venlo war in der C64-Szene ein Begriff. Solche Meetings und Copy Parties waren die physischen Treffpunkte einer ansonsten stark über Telefon, Post und Mailboxen vernetzten Welt.

Man muss sich diese Treffen nicht wie heutige sterile IT-Konferenzen vorstellen. Das waren Szeneereignisse: Rechner, Monitore, Disketten, Kabel, Gespräche, Austausch, Konkurrenz, Neugier. Man brachte mit, was man hatte. Man zeigte, was man konnte. Man traf Leute, die man vorher vielleicht nur über Handles, Scroller oder Mailboxen kannte.

Beim Venlo Meeting 1988 wird The New Leader zusammen mit weiteren Teilnehmern gelistet, darunter Sebastian Broghammer. Das macht die Szene greifbar: Aus Handles wurden Menschen. Aus Disketten wurden Gespräche. Aus Code wurde Anerkennung.

ZSS Copy Party 1988 – die Szene über Grenzen hinweg

Im September 1988 war The New Leader außerdem bei der ZSS Copy Party 1988 in Pratteln in der Schweiz dokumentiert. Veranstaltungsort war eine Zivilschutzanlage. Schon das klingt nach einem Filmset: C64-Computer in einer Schweizer Zivilschutzanlage, Leute aus verschiedenen Ländern, Disketten, Demos, Cracks, Gespräche, Wettbewerb und Szeneenergie.

Die Party fand vom 17. bis 18. September 1988 statt. Organisiert wurde sie von Cpt Trubble und Macho Man beziehungsweise der Gruppe Zorro Soft Switzerland. Auch dort wird The New Leader unter den Teilnehmern aufgeführt.

Diese Teilnahme ist ein wichtiger Teil der Geschichte. Sie zeigt, dass The New Leader nicht nur lokal aktiv war. Die C64-Szene war international, aber nicht abstrakt. Sie funktionierte über Reisen, Treffen, Telefonate, Postsendungen, BBS-Systeme und persönliche Kontakte. Wer auf solchen Events auftauchte, war sichtbar. Und Sichtbarkeit war in der Szene Währung.

Was diese Geschichte heute bedeutet

Rückblickend wirkt diese Zeit fast wie digitale Archäologie. 1987, 1988, 1989 – das waren Jahre, in denen digitale Kultur noch nicht von Plattformen, Algorithmen und Konzernen kontrolliert wurde. Sie entstand aus Neugier, Können, Improvisation und Gemeinschaft.

The New Leader steht in dieser Geschichte für eine frühe Form dessen, was heute selbstverständlich klingt: digitales Arbeiten, Vernetzung, Coding, Content, Community, Publishing und technische Eigenständigkeit. Nur dass damals alles härter, direkter und handgemachter war.

Heute lädt man Inhalte hoch. Damals baute man sie in Demos ein.

Heute hat man Profile. Damals hatte man Handles.

Heute hat man soziale Netzwerke. Damals hatte man BBS-Systeme, Meetings und Scroller.

Heute spricht jeder von Community. Damals musste man sie selbst aufbauen.

Vom C64 zur Gegenwart

Wenn man diese alten CSDb-Daten liest, erkennt man mehr als Nostalgie. Man erkennt eine Linie. Wer damals gelernt hat, Technik nicht nur zu benutzen, sondern zu verstehen, nimmt dieses Denken mit. Wer auf dem C64 programmiert, organisiert, veröffentlicht und vernetzt hat, hat früh gelernt, wie digitale Systeme funktionieren: nicht theoretisch, sondern praktisch.

The New Leader war Teil einer Szene, in der man sich Anerkennung nicht kaufen konnte. Man musste liefern. Code musste laufen. Texte mussten sitzen. Kontakte mussten gepflegt werden. Releases mussten funktionieren. Eine Mailbox musste erreichbar sein.

Das ist vielleicht der eigentliche Kern dieser Geschichte: Es ging nie nur um den Commodore 64. Es ging um Haltung. Um Neugier. Um den Willen, Dinge selbst zu machen. Um die Lust, Technik zu beherrschen, statt sich von ihr beherrschen zu lassen.

The New Leader bleibt

Heute ist The New Leader ein Eintrag in der Commodore 64 Scene Database. Aber hinter diesem Eintrag steckt mehr: eine Jugend in der digitalen Pionierzeit, ein Stück süddeutsche Computergeschichte, ein Netzwerk aus Gruppen, Freunden, Meetings, Demos, Intros und Mailboxkultur.

Future Power System. Technical Support Box. Venlo. Pratteln. Raster Buster. Stefan Hartwig. Merlin. Sebastian Broghammer. Oralo Cat. Good Year.

Das sind Namen und Orte aus einer Zeit, in der die digitale Welt noch klein genug war, um persönlich zu sein – und groß genug, um ein Leben lang nachzuwirken.

The New Leader war nicht einfach ein Handle.

Es war ein Statement.

Ein Name auf dem Bildschirm.

Ein Signal aus der Zeit, als 64 Kilobyte reichten, um eine ganze Welt zu öffnen.

zur csdb

Wireframe Retro 3D

Retro 3D Wireframe Animation.

TNL Intro 3

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TNL Demo

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TNL Intro 2

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TNL Demo 2

C64 Rules the World. Heil TNL.C64 Rules the World. Heil TNL.C64 Rules the World. Heil TNL.C64 Rules the World. Heil TNL.

TNL Intro 3

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TNL Demo 3